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Es war offensichtlich doch etwas Außergewöhnliches mit Pferden alten Römerpfaden folgen zu wollen. Die Idee zu diesem großartigen Abenteuer geisterte bereits schon seit längerer Zeit im Kopf meines Vaters herum und wurde schließlich im August 1988 zusammen mit einem Bekannten und mir in die Tat umgesetzt. Die Vorbereitungen auf diesen großen Ritt erwiesen sich als eine äußerst langwierige und komplizierte Angelegenheit, wobei die eigentliche Ausrüstung für Pferd und Reiter das geringste Problem darstellten. Mehr als Kopfzerbrechen bereiteten uns die Antworten der weit im Vorfeld angeschriebenen Botschaften und Zollämter. Nach mehreren sowohl schriftlichen als auch telefonischen Auskünften und zahlreichen Besuchen bei diversen Institutionen konnte seitens der deutschen als auch der österreichischen Behörden eine Genehmigung erlangt werden. Es waren zahlreiche Papiere wie Einfuhr-, Wiederausfuhr- und Durchfuhrgenehmigungen einzuholen. Die Zollbestimmungen verlangten sogar eine sogenannte "Mähnenplombe", aber da selbst Anfragen bei höchsten Stellen keine Erklärung dieses Begriffes erbrachten, gingen wir das Risiko ein und stürzten uns ohne eine Mähnenplombe in das uns bevorstehende Abenteuer. Ein zugesichertes Antwortschreiben der ital ienis chen Zollämter liegt bis heute nicht vor, und nach Aussagen der deutschen Botschaft in Rom wird unter Umständen auch nicht so schnell damit zu rechnen sein.Da mein Vater, ein leidenschaftlicher Wanderreiter, inspiriert von Hannibal folgenden Ausspruch machte, "was Elefanten im Winter können, das können unsere Islandpferde im Sommer auch" machten wir uns also Richtung Süden auf. Aufgrund einer genauen Studie verschiedener Publikationen über Römerwege durch die Alpen entschieden wir uns schließlich, den dem historischen Weg nächstgelegenen Grenzübergang Kiefersfelden zu nehmen. Nach etwa einer Woche intensivem Planen und Packen unserer gesamten Ausrüstung, dem Verstauen derselben im Fahrzeug und dem Verladen der drei Isländer in den Pferdeanhänger starteten wir am Montagmorgen des 1. August 1988 von der Aumühle. Nach einer anstrengenden Fahrt kamen wir gegen Abend am Grenzübergang Kiefersfelden an, wo wir erstmals erfuhren, was es mit einem Laufzettel auf sich hat. Während einer von uns ständig beim Fahrzeug und vorallem bei den ebenfalls erschöpften Tieren blieb, drängten die beiden anderen mit de n einzelnen Laufzetteln von Schalter zu Schalter, von Beamten zu Beamten... Nach etwa eineinhalb Stunden gelang es uns, die Grenze zu passieren und die Reise auf österreichischem Gebiet fortzusetzen. Unser Ziel für den heutigen Tag war der schön gelegene Reiterhof der Familie Gasteiger in Kitzbühel, den wir jedoch, aufgrund der langwierigen Zollformalitäten unplanmäßig erst gegen Mitternacht erreichten. Trotz der verspäteten Ankunft wurden wir dennoch freundlich auf genommen, und da das Haus voll belegt war, durften wir unsere erste Nacht in der Stub'n verbringen.
Am Dienstag, den 2.8.88 ging es nach sorgfältigem Satteln und Bepacken der beiden über 20 Jahre alten Wallache Sotí und Blesi und der 7-jährigen weiblichen Schönheit Freyja von Kitzbühel au s Richtung Paß-Thurn. Zum Satteln ließen wir uns immer bewußt viel Zeit, um den von jedem Reiter gefürchteten Satteldruck zu vermeiden. Dem Hl. Georg sei Dank, daß unsere Lieben trotz durchschnittlichen 100kg zusätzlichem Gewicht über die gesamte Dauer unseres Rittes von Druckstellen verschont geblieben sind. Unseren PKW samt Hänger ließen wir bei Familie Gasteiger, die uns mit besten Wünschen auf den Weg schickte. Ursprünglich hatten wir uns vorg enommen, den Paß-Thurn (1274m) nicht über den Straßenweg zu passieren, sondern auf parallel dazu verlaufenden Wegen. Ausgehend davon, daß die in den Karten angegebene Skipiste auch mit drei Pferden zu passieren sei, verließen wir also die Paßstraße und suchten einen Weg der bergauf in Richtung Süden verlief. Da nichts dergleichen zu finden war, haben wir uns der Abfahrt entlang "nach oben gearbeitet". Anfangs war es für uns ein leichtes, spä ter jedoch aufgrund der mehrwöchigen Regenperiode ein schwieriges Unterfangen, entgegen der Fallinie hinaufzugehen, da der ganze Hang einer verschlammten und planierten Wüstenlandschaft glich. Daraufhin suchten wir uns einen Weg zur Straße, den wir durch Glück auch bald finden konnten. Es war durchaus ein unangenehmes Gefühl, das wir vermutlich alle sechs hatten, als wir schließlich den Serpentinen bis auf 1274 Höhenmeter folgten und an uns die PKWs und vor allem die LKWs nur so vorbeirauschten. Am frühen Nachmittag endlich an der eigentlichen Paßstelle angelangt, ging es nach einer kurzen Verschnaufpause weiter Richtung Bramberg. Mit Blick auf das gesamte Salzachtal schlugen wir einen Weg ein, der versprach, uns ohne Umwege nach Bramberg am Fuße des Wildkogels zu führen. Uns ein wenig erholend ritten wir bergabwärts auf einem angenehmen Wiesenweg quer durch Weiden. Doch schon ergab sich ein weiteres Problem. Die einzelnen Almen waren durch Stachelzäune voneinander getrennt, und durch große Tore entlang des Weges miteinander verbunden. Das Öffnen und Schließen der Weidetore gelang uns nach einigem Training selbst vom Sattel aus. Weit mehr Schwierigkeiten machten uns die jeweils vor und nach den Gattern in den Boden eingelassenen Eisengitter, deren Zweck es ist, die Kühe davon abzuhalten, selbst bei geöffnetem Tor die jeweilige Weide zu verlassen. Aber selbst diese zahlreichen Hindernisse konnten wir mit etwas Geschick bald umgehen, sodaß wir am Spätnachmittag in Bramberg eintrafen. Erschöpft gönnten wir uns hier eine dreiviertelstündige "Mittagspause". Frisch gestärkt und ein wenig erholt machten wir uns auf den Weg, um die letzten etwa 20km bis nach Krimml in einem flotteren Tempo zurücklegen zu können. Mit Zufriedenheit legten wir einige Kilometer zurück, bis wir bedauerlicherweise vor dem nächsten Problem standen. Plötzlich fehlte die bisher gewohnte Aussch ilderung d er Wege und wir mußten uns, nicht zuletzt wegen der hereinbrechenden Dunkelheit, vollkommen an Karte und Kompaßnadel sowie an das eigene Orientierungsvermögen halten. Obendrein kam noch erschwerend hinzu, daß einige Brücken nicht vorhanden, Wege von einem auf den nächsten Meter wortwörtlich im Sand verliefen, was, wie später zu erfahren war, auf eine große Überschwemmung im Herbst des Vorjahres zurückzuführen war. Als wir nun bei Taschenlampen licht und starken Regenfällen die Orientierung verloren hatten, sahen wir zu, schnellstmöglich auf die Straße zu gelangen, die uns zunächst aus einem unfreiwilligerweise besuchten Seitental der Salzach auf den rechten Weg zurückbrachte. Eingeweicht bis auf die Haut, wohlgemerkt trotz besonderer Reitmäntel, haben wir anschließend noch die bevorstehenden zehn Kilometer absolviert. Unser noch verbliebener Humor und das Anstimmen einiger Lieder half uns sämtliche Sorge n nicht zu vergessen, aber immerhin abzuschwächen. Kurz nach Mitternacht erreichten wir im strömenden Regen endlich unser für diesen Tag gestecktes Ziel, und zu allem Überfluß hatten wir kein Glück uns zu unserer Unterkunft Zugang zu verschaffen. Es blieb uns keine andere Möglichkeit als unser triefendes Zelt aufzustellen und die Nacht darin zu verbringen. Aus der geplanten 70km-Tagestour wurde eine etwa 90km lange strapaziöse Tour, die es verstand aus uns alles her auszuholen was nur möglich war, denn soviele Schwierigkeiten wie an diesem Tag hatten wir zuvor noch bei keinem anderen Ritt erlebt.
Am Morgen des nächsten Tages erwachten wir, als ein Gewitterregen den Himmel über Krimml heimgesucht hatte. Anfangs fest davon überzeugt, daß dies nur ein kurzes Intermezzo sei, begannen wir unsere regennasse Ausrüstung einzupacken, um anschließend an das Frühstück gleich aufbrechen zu können. Wir Wanderreiter sprechen normalerweise nicht vom Wetter, aber das Zusammenspiel von Regen, Sturm und Gewitter, ja sogar Hagel stimmte uns nachdenklich. Nach einer aufw& auml;rmenden Dusche und während eines gemütlichen Frühstücks wußte uns die Pensionbesitzerin Geschichten zu erzählen, die uns ein flaues Gefühl in der Magengrube bereiteten. "Es muß vor etwa einer Woche gewesen sein", so berichtete sie uns, "daß einer meiner Nachbarn samt zweier Kühe auf einer nahegelegenen Alm vom Blitz erschlagen worden ist." Diese Tatsache veranlaßte uns, zunächst die Wetterstation Innsbruck und die Bergwacht telefonisch zu kontaktieren, um das kommende Wetter zu erfragen. Gegen Nachmittag wurde das Wetter besser, das heißt, es regnete in Strömen, aber wir brachen auf, um wenigstens einen Teil unserer Tagesetappe zu absolvieren. Die Menschen, der Regen und die höchsten Wasserfälle Europas kamen uns auf dem Weg ins Krimmler Achental entgegen. Unsere braven Tiere schien nichts von alldem zu beeindrucken, denn je höher wir uns entlang der Wasserfälle in Serpentinen nach oben schlengelten, desto fi tter wurden die Drei. Am oberen Ende des berauschenden Wassererlebnisses angelangt, folgte nach einiger Zeit ein langer Tunnel. Der breite Fahrweg wies uns den Weg durch den St. Annatunnel, und nach 294m eröffnet sich uns ein Tal, das an Karl-May-Filme erinnerte. Anfangs auf sehr schmalem Weg, entlang einem rauschenden Bach, vorbei an Wald und Geröll saßen wir auf und genossen die Landschaft. Vorbei an der ersten Almhütte, trafen wir gegen 19.30 Uhr an der Hölzlahner Alm ein. Nach einer kurzen Unterhaltung mit dem sehr freundlichen Wirtsehepaar wurde uns die Übernachtung in der Hütte angeboten. Wir schlugen das Angebot nicht aus und verblieben für diese Nacht auf 1580m Höhe. Es war alles sehr idyllisch hier, die Kühe auf der einen Seite des Baches, unsere Isländer auf der anderen, ein leichter Sonnenstrahl, der die kalten Wassertropfen der Krimmler Ache in einem Licht erscheinen ließ, das zum träumen veranlaßte, noch dazu da wir uns de n eigens vom Wirt hergestellten Käse samt frischer Butter einverleibten. Nach Gesprächen mit dem Almbesitzer und einigen anderen, zum Teil sehr verwunderten Gästen, suchten wir nicht allzuspät unsere Betten auf, auf die wir uns schon lange gefreut hatten.
Nachdem wir am 4. August 1988 gegen 7.30 Uhr den Tag beginnen sahen, verbarg sich die Schönheit des Tales schamvoll hinter einem dichten Schleier aus Nebel. Nach hervorragendem Frühstück mit Hausmacherkäse, Schinken und Marmelade begannen wir unsere tierischen "Mountain-Bikes" zu bürsten, zu satteln und zu bepacken. Bei etwa 25m Fernsicht brachen wir auf in Richtung Ahrntal auf italienischer Seite der Krimmler Tauern. Leider blieb uns der Anblick des Tales weitgehenst ver wehrt; ein e Art alpine Peep-Show spielte sich vor unseren Augen ab, denn nur ab und zu ging die Nebelklappe hoch und ließ uns den optischen Genuß erahnen. Unser erster Zwischenstop war das österreichische Zollhaus. Eingeplant hatten wir hier eine Wartezeit von etwa einer halben Stunde, bis unsere Zollformalitäten abgewickelt waren, doch daß sich daraus dreistündige Verhandlungen ergeben konnten, damit hatten wir nicht gerechnet. Nach Rücksprachen unter uns, den österreichis chen Vorgesetzten als auch den italienischen Kollegen auf der anderen Seite des Gipfels ließ man uns um 15.15 Uhr passieren. Drei Stunden Aufstieg zur Grenze und etwa zwei Stunden Abstieg zur nächsten Übernachtungsmöglichkeit lauteten die Auskünfte. Wir wollten es wissen! Bereits die "Abkürzung" zur Windbachalm ließ meinen Vater stöhnen: "Wege sollen das sein!? Seid vorsichtig!" Wir führten die Pferde den schmalen Zick-zack-Weg. Funken sprühten, als die H ufe auf den steinigen Untergrund krachten. "Nie, nie würden wir diese Wege gehen wenn wir das vorher abgelaufen wären!" waren wir uns einig, dabei war dies erst der Auftakt. Meine Turnschuhe erwiesen sich hier bereits als sehr unbrauchbar, denn von einem Stein zum anderen hüpfen, zwischendurch noch in ein Rinnsal mit eiskaltem Gebirgswasser treten, bereitete mir wahrhaftig keine Freuden. Ein kurzes Stück Fahrweg bis zur Windbachalm ließ unseren leicht angeknacksten Optimismus wied er aufflammen. Von da an führte nur ein schmaler, steiniger Pfad bergan. Die Bäume wurden immer weniger, nur noch wetterzerzauste Zirbelkiefern säumten vereinzelt den zunehmend schwieriger werdenden Weg. Die vom Nebel und Regen nassen Felsbrocken, das gurgelnde Wasser im und unter dem Weg, das Atmen der Pferde und das Klappern der Hufe, die ganze Szenerie erschien uns eher wie ein mystischer Film, als ein gemütlicher Ferienwanderritt. Die Pferde vollbrachten wahrhaft artistische Leistun gen. Felsbrocken, oft fünf oder sechs hintereinander in Abständen von 20-30cm, vom Gletscherwasser umspült überstiegen sie ohne Mühe. Nur die junge Stute Freyja zierte sich manchmal, was besonders beim Führen zu einer gefährlichen Angelegenheit wurde, nämlich dann, wenn sie zu springen begann. Langsam wurde es kalt. Die Hüte weit ins Gesicht gezogen, die Regenmäntel über Sättel und Gepäck gebreitet, stapften wir voran. Mein Vater trug die Zolldokumente wie ein Buchhalter unter dem Arm, zeterte ab und zu mit seiner Freyja, während der alterserfahrene Fuchs und sein brauner Kollege liefen als wären sie hier zu Hause. Trotz Regen und Dämmerung kämpften wir mit unserer Kamera, die noch älter war als Sotí, um zumindest einige Szenen festzuhalten. Nach einhelliger Meinung würde uns eh keiner glauben, daß wir all das, was wir erzählen würden, auch erlebt hatten, aber wir haben den Beweis. Plöt zlich s tanden wir vor dem Schnee. Zunächst versuchten wir, mit Hilfe eines Spatens, den Weg durch den Altschnee zu preparieren, aber damit wären wir wahrscheinlich heute noch beschäftigt. Den mit Eis bedeckten Schnee zu überqueren, stellte für uns keinerlei Hindernis dar, lediglich daß wir den Weg verloren, aber an den Stellen ohne Eisbedeckung sahen wir uns der Gefahr ausgesetzt, daß die Vierbeiner im teilweise meterhohen Weiß einbrechen würden, und nicht mehr in d er Lage sein würden, sich fortzubewegen. Dennoch gelang es uns ohne Unfall die Eisplatten zu queren. Langsam tauchte aus dem Nebelschleier und den niederfallenden Regentropfen das Gipfelkreuz vor uns auf. Am Paß direkt war es windig und eiskalt. Wir standen auf 2633m Höhe vor dem Bild eines gewissen Hofer, der hier vor genau 60 Jahren (im August wohlgemerkt!) mit Sohn und Magd erfror. Unser Aufenthalt war nicht nur wegen der schlechten Sicht, sondern auch im Anbetracht der späten Stund e äußerst kurz. "Jetzt schnell zum italienischen Zoll, dann schnell hinunter", dachten wir, "denn was sind zwei Stunden Abstieg gemessen an dem, was wir bereits hinter uns haben." Aber es kam anders. Ein schmaler Pfad, der von einem gepflegten Wanderweg abging, führte zur Neugerstorfer Hütte. Eine einzige schräge Felsplatte wurde fast zum Verhängnis. Freyja, mit den Vorderbeinen bereits darüber, rutschte mit der Hinterhand seitlich ab, krachte auf das Knie und fing sich zum Glück mit Müh und Not auf der eigenen linken Hinterhand. Wir atmeten erleichtert auf, denn dieses Unglück hätte beinahe ein schreckliches Ende genommen. Das Alter und die Erfahrung der beiden Wallache bewährte sich abermals. Videoüberwacht, wie wir später feststellten, standen wir vor dem italienischen Zollhaus, das sich innen als "Palazzo Prozzo", von außen eher als ein Testhaus für Windschlüpfrigkeit zeigte. Die Pferde standen bei Temperatu ren um die 0° C, mit kleinen Eiszapfen versehen, zitternd im Wind, der aus allen Richtungen pfiff. Die südtiroler Zöllner, allen voran Marshallo Shet, baten uns zunächst in ihre warme Stube, damit wir uns ein wenig aufwärmen konnten. Die zuvor über Funk gemachte Hoffnung einer problemlosen Passierung der italienischen Grenze erwies sich als falsch, denn nach vielseitiger Betrachtung der Situation hatte Marshallo Shet anscheinend der Mut verlassen. Er gestand uns, daß er sich zunächst bei seinem Vorgesetzten rückversichern wolle, um uns nicht auf eine illegale Weise die Einreise nach Italien zu ermöglichen. Während seiner Konversation mit den Behörden in Innichen wurden wir mit heißem Tee, und im Anbetracht der fortschreitenden Zeit auch mit Wein bewirtet. In der Zwischenzeit brach die Dämmerung herein, sodaß wir schon ein wenig ungeduldig wurden, da wir auf jeden Fall noch einen Abstieg vor uns hatten, sei es auf südtiroler oder aber auf österreichischer Seite. Als der Chef der Zollhausbesatzung mit den Verhandlungen fertig war, überbrachte er uns mit trauriger Miene die Mitteilung, daß wir den Abstieg auf italienischer Seite nicht genehmigt bekämen. Er entschuldigte sich förmlich dafür, aber wir drei konnten es immer noch nicht fassen - wir sollten zurück. Diese angeblich unwiderrufliche Entscheidung hat uns sehr getroffen, und wir begannen zu überlegen, was nun geschehen sollte. Draußen, in der Finsternis, regnete es in Strömen und der Wind heulte ununterbrochen um die kalten Felswände. Die freundlichen Zollbeamten waren bereit, uns übernachten zu lassen, aber es gab keine Möglichkeit den Pferden einen angenehmen Unterstand zu bieten. Die drei Vierbeiner sind zwar im allgemeinen sehr robust, aber das wäre des Guten zuviel gewesen. Was sollten wir tun? Der Rückweg war in der Dunkelheit aufgrund der miserablen Wege unmöglich. Also verblieb nur noch eine Möglichkeit, nämlich die, auf italienischer Seite abzusteigen. Der Marshallo ließ mit sich reden, als wir ihm die Situation erklärt hatten. Er ließ die Worte seines Vorgesetzten und den Gesetzestext für ein paar Stunden ins Vergessen geraten und nahm uns das Versprechen ab, daß wir bis zur nächsten südtiroler Alm absteigen, und am nächsten Morgen wieder Richtung Österreich aufbrechen würden. Für einen Moment dachten wir, daß es möglich wäre, unseren Ritt doch auf italienischer Seite fortsetzen zu können, doch schon in seinem nächsten Satz erläuterte der Marshallo, was wir zu erwarten hätten, wenn wir nicht zurückkämen. Er und seine Mitstreiter betonten, daß es nicht an ihnen läge, denn sie würden uns passieren lassen, sondern an den italienischen Gesetzen, die aussagen, daß Pferde eine Ware sind und die dürfe nicht an diesem Grenzübergang eingeführt werden.
Aufgewärmt und getrocknet verließen wir gegen 20.00 Uhr die "gute Stube" in Richtung Almhütte. Wir wußten zwar nicht was uns erwarten würde, aber wir waren auf alles gefaßt. Also liefen wir los. Zunächst mußten wir die Steinplatte umgehen, die uns etwa drei Stunden zuvor fast zum Verhängnis geworden wäre, denn solange hatten die Gespräche im Zollhaus gedauert. Der anfangs noch ordentliche Weg wurde zum Stolpersteig. Die Taschenlampe in der einen, den Zügel in der anderen Hand tasteten wir uns im Regen den historischen Pfad hinunter. Wir hatten ein seltsames Gefühl, denn es war schon etwas unheimlich, nachts unter diesen Bedingungen mit bepackten Pferden durch die Alpen zu streifen. Doch trotz aller Hindernisse hatten wir unseren Spaß. Plötzlich blieb der erste in der Reihe stehen, und blickte verwundert auf einen Gegenstand, der auf dem Weg lag. Nach genauem Hinsehen entpuppte sich das dunkle Etwas als einer unserer Schlafsäcke, den wir anscheinend in den Sperpentinen des Weges ca. 20m weiter oben verloren haben mußten. Zu unserem Glück ist er direkt auf dem Weg liegengeblieben, denn die bevorsthende Nacht versprach kühl zu werden. Endlich tauchten ein paar Lichter auf. Gegen 22.30 Uhr erreichten wir die obere Tauernalm auf 2024m. Wir klopften die Hüttenbesatzung aus ihren Schlafsäcken im Heu. Die Wirtsleute empfingen uns mit einem erstaunten, aber sehr freundlichen "Was'n da heit los?". Wir erzählten in Kurzfassung unsere Geschichte und es bestand überhaupt keine Frage, ob wir bleiben durften oder nicht, es war eine Selbstverständlichkeit. Wir versorgten die Pferde, stellten sie in einen wie für unsere Bedürfnisse geschaffenen Ziegenstall und ließen sie mit gutem Gewissen für den heutigen Tag ruhen. Nach einer Brotzeit und dem Trinken von frischer Ziegenmilch begaben wir uns in den Schuppen, um zusammen mit der Hüttenbesatzung im Heu zu nächtigen. Es war nicht komfortabel, auch nicht angenehm in feuchter Kleidung zu übernachten, aber wir waren froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Die überaus interessierten Südtiroler hielten sich mit Fragen nicht zurück, sodaß wir den Abend mit einem netten Plausch beschlossen. In diesem nächtlichen Gespräch erfuhren wir, daß unser Übergang schon sehr ungewöhnlich sei. Uns war klar, daß man hier Pferde seltener antreffen würde, und daß fast ausschließlich Kühe diesen hochgelegenen Grenzübergang passieren würden. Sogar Heinrich der IV. ist wahrscheinlich zu Fuß über die Tauern gegangen, wenn er im Sommer ging, denn selbst die südtiroler Bauern treiben ihr Vieh nur im Schnee über den Paß, da eine geschlossene Decke erforderlich ist, um diesen Weg vernünftig begehen zu können. Der Weg ist sonst für Tiere nicht passierbar! Diese Information hörten wir hier zum ersten Mal. Wir waren erstaunt, welch wahrhaftige Leistung wir wohl vollbracht hatten, wenn das vor uns noch keiner gewagt hatte.
Den weiteren Verlauf des Rittes möchte ich hier nicht niederschreiben, es sei nur soviel dazu gesagt, daß wir am nächsten Morgen wieder in Richtung Österreich aufgebrochen sind, um unser Versprechen einzuhalten. Marshallo Shet hatte uns schon den ganzen Vormittag mit dem Fernglas beobachtet, und er war sichtlich erleichtert, als wir uns am Zollhaus wieder einfanden. Nach dem Genuß der herrlichen Aussicht, die wir an diesem Tag hatten, trugen wir uns noch ins Gipfelbuch ein und traten anschließend den Rückweg an. Unterwegs präparierten wir uns mit dem Spaten teilweise noch den Weg durch vereinzelte Schneefelder. Anschließend an den schwierigsten Teil genehmigten wir uns eine Pause mit einer Fertigsuppe und einem Haferl Kaffee, während die drei Isländer vergnüglich auf der Alm grasten. Hier und da konnten wir Murmeltiere pfeiffen hören, zu Gesicht bekamen wir allerdings keines. Ab der Windsbachalm ging es dann meist im Tölt bis zur Hölzlahner Alm, wo wir die Nacht in angenehmen Betten verbrachten. Die darauffolgenden Tage vergnügten wir uns mit einem Rundrittes durch Österreich, welcher uns über Neukirchen und Bramberg nach Mittersill, und anschließend über den Geißstein (2363m) wieder nach Kitzbühel brachte, wo unser Abenteuer zu Ende ging. In dieser Zeit erlebten wir natürlich ebenso Dinge, die unser Herz erfreuten, genau wie wir zu kämpfen hatten, um einige Situationen zu meistern. Es stellte sich uns zum Beispiel die Frage: "Wie verhält man sich, wenn auf ca. 2000 Höhenmeter ein Hufeisen verloren geht und ein Gewitter in den Wolken hängt?" ...
Ich denke, daß man ohne dabei überheblich zu werden stolz sein darf, wenn man solch ein bewegtes Ereignis erleben durfte, und an dieser Stelle möchte ich meinem Vater ganz herzlich danken, daß er es mir ermöglicht hat, an diesem Abenteuerritt mit von der Partie zu sein.Daniel Peter Staude
Danke!